Das Ei
Zunächst ein kleiner Auszug aus der Presseinformation des Herstellers:
"Wenn man der Legende glauben darf, die man sich am Amazonas erzählt,
dann hat Gott den Weißen Vogel geschaffen, um den Indianern das ewige
Leben zu schenken. ... Doch die Sage weiß ebenfalls zu berichten,
daß ein ruchloser Zauberer das Ei gestohlen hat, das Gott zusammen
mit dem Weißen Vogel erschuf. Seit dieser Zeit liegt ein Fluch über
dem Amazonas."
In Amerzone hat der Spieler die Aufgabe, dieses Ei, das er von einem
Entdecker bekommt (wohl der Zauberer), zurück in den Amazonas zu bringen
und den Fluch aufzuheben. Glücklicherweise gibt der Entdecker, der
kurz nach der Übergabe stirbt und aussieht als hätte er die Flasche
Doppelherz ein paar mal zu oft geöffnet, dem Spieler auch gleich ein
Gefährt, das multifunktional ist: Flugzeug, Boot, Hubschrauber, U-Boot
- alles in einem. Wenn man sich durch den ersten Level gekämpft hat,
geht die Reise auch schon los. Und wie eine Glucke hat man natürlich
das Ei dabei, auf das man ständig achtet.
Von jetzt an konzentriert sich das Spiel darauf, neue Koordinaten für
das Fahrzeug zu finden. Hat man sie, geht es im nächsten Level weiter.
Mal Top mal Flop
Von Level zu Level wechselt daher auch der Ort, an dem man sich befindet.
Ob nun auf einer Insel, im Amazonas oder auch in einem Indianerdorf. Alles
recht phantasievoll zusammengestellt und teilweise recht hübsch gemacht.
Das sollte auch kein Wunder sein, immerhin entwickelte der berühmte
Benoit Sokal, seines Zeichens Comicartist, das Spiel. (Ich habe zwar noch
nie etwas von ihm gehört, aber vielleicht lese ich einfach zu wenig
Comics). So merkt man an nicht wenigen Stellen, daß er sein Handwerk
versteht. Immer wenn Gegenstände oder Personen näher betrachtet
werden, sind sie sehr detailliert gezeichnet. Das fiel mir schon in der
ersten Szene auf, als ich bemerkte, das der radfahrende Postbote sogar
Knitterfalten in seiner Hose hatte.
Wie gesagt, immer wenn etwas aus der Nähe betrachtet wird. Dazwischen
gibt es gerenderte Bilder. Die sind in ihrer Qualität nicht unbedingt
State-of-the-Art, aber auch nicht schlecht. Zwischen den Bildern klickt
man hin und her, wie man es schon von Myst oder auch Zork-Nemesis kennt.
Was bei Myst noch richtig toll war, wirkt hier leicht angestaubt. Ein bißchen
so wie gewollt und nicht gekonnt. Diese Technik ist mittlerweile überholt.
Und wenn sie hier zur Unterstützung der Atmosphäre beitragen
sollte, hat man sicher nur das Gegenteil erreicht. Richtig hart trifft
den Spieler, daß er nicht mehr wie bei Myst über einige (bekannte)
Bilder hinwegspringen kann. Nein, auf dem Rückweg darf man sich jedes
Bild nocheinmal ansehen.
Ebenso nervig ist, daß man Videosequenzen nicht unterbrechen
kann. Im Handbuch steht zwar, die '~'-Taste würde den Effekt bringen,
doch leider Fehlanzeige. Auch ein Ausweichen auf '^' brachte nichts.
Mittagspause für die grauen Zellen!!!
Es tut mir wirklich leid, aber anders kann ich das Niveau der Rätsel
nicht beschreiben. Sie drehen sich meistens darum, einen Gegenstand zu
finden, der mit einem anderen interagieren kann - langweilig. Bei Myst
gab es wenigstens noch was zu denken, Amerzone ist eher ein Find-and-Run
Spiel. Dabei sind die Gegenstände gar nicht immer leicht zu finden,
wie der 3. Screenshot beweist. (Hier habe ich den entscheidenden Stock
mal rot umrandet, in dem Wust von Laub und Geäst doch richtig hervorstechend,
oder?)
Doch nicht nur das Rätselniveau ist schlecht, auch die Länge
des Spiels. Es kommt auf 4 CDs. Das ließ mich hoffen, daß man
wenigstens etwas Zeit damit verbringen kann. Doch, nachdem ich das Spiel
besiegte, gehe ich nun davon aus, daß es mit Komplettlösung
in weniger als 8 Stunden durchzuspielen ist. Etwas sehr kurz für meinen
Geschmack, vor allem wenn man bedenkt, daß die CD-Wechsel allein
schon 2 Stunden in Anspruch nehmen ;-)
Es bleibt beim Versuch
Amerzone bietet sicher eine schöne Geschichte, ein paar tolle Grafiken
und einen anständigen Sound. Leider reicht das nicht aus, um zu einem
Hit oder auch nur guten Adventure zu werden. Es fehlen knackige Rätsel
und eine Technik beim Rumlaufen, die zumindest Myst-Niveau hat. Die Story
bietet sicherlich einiges an Potential, das leider sinnlos verpulvert wurde.