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Anachronox
3D-Action-Rollenspiel
von Eidos
PCJuli 2001
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Anachronox, eine Halskrankheit?
Anarcho...,Analo...oder was? So höre ich schon die geistlosen, unbelesenen und bösartigen Computerspieler witzeln, die zum ersten Male mit dem neuen Adventure-Rollenspiel von Eidos Bekanntschaft machen. Jeder halbwegs gebildete Mensch weiß natürlich, dass Anachronox soviel wie "Poison from the past" oder auf gut Deutsch "Mocke von früher" heißt. 
Ein wenig Verständnis der englischen Sprache wird beim Spielen von Anachronox vorausgesetzt, denn das Spiel ist komplett in Englisch und wird aller Voraussicht nach auch nicht ins Deutsche übersetzt. Fluch und Segen zugleich: Die Sprachbarriere wird dem ganz großen Erfolg im Wege stehen, andererseits wäre eine adäquate Umsetzung der sehr gelungenen Sprachausgabe und der verdammt coolen und pointierten Dialoge keine leichte Aufgabe gewesen. 
Leicht wird es für Anachronox eh nicht werden. Da kommt ein Spiel ganz im Stil eines 3D-Egoshooters daher, die alte, verbesserte Beben2- Engine musste noch einmal herhalten, liefert humorige und abgedrehte Adventurekost, einen abgespeckten Rollenspielpart und Kämpfe im Konsolenstil. Sonst noch was? Na klar - dem Ganzen wurde ein wahrhaft abgespacetes Szenario und eine komisch, kosmische Handlung übergebraten, die jedem Douglas Adams (Grüß mir die Sterne...) Fan eine Menge Spaß machen müsste.

Fremde Welten, fremde Sitten

Ort der Handlung ist der Stadtplanet Anachronox, der durch seine beweglichen, rotierenden Teile (!) ein ständig anderes Gesicht erhält. Anadings selbst befindet sich in einer riesigen, stachelbewehrten Sphäre, dem Sender One. Der Sender ist nur einer von vielen kosmischen "Bahnhöfen" die per Transmitter den Reiseverkehr in der Galaxis sicherstellen. Klar, dass diese Technik nicht unseren kleinen Affenhirnen entsprungen ist, viel mehr ist dies die Hinterlassenschaft einer längst untergegangenen bzw. spurlos verschwundenen Alienrasse. Heute wird dieses Erbe von diversen Alienrassen genutzt, die, wie sollte es auch anders sein, jede zuerst ihre eigenen Interessen im Auge hat. 
Unser Held Sly Boots ist ein klassischer Privatschnüffler, früher mal eine echte Granate, taugt er zur Zeit nur noch als Schnapsdepot und Punchingball für die örtliche Gangsterinnung. Sein Büro befindet sich in der oberen Etage von Rockys, einer mittelprächtigen Kneipe im heruntergekommenen Stadtviertel Bricks und gerade im Moment geht es Sly so richtig schlecht. Der einflussreiche Gangsterboss Detta hat einen seiner Schläger auf Sly losgelassen um mal höflich nach der austehenden Kohle zu fragen. Die Befragung endet mit einem Sturz durchs geschlossene Fenster und einen metertiefen Fall mitten in den vollbesetzten Schankraum. Das ist nun wirklich der absolute Tiefpunkt, findet übrigens auch Fatima, seine eigentlich tote, aber virtuell höchst lebendige Sekretärin, die ihr Büro übrigens in einem Lifecursor hat. Ein Job, ach was, ein Sack Aufträge müssen her, allein schon um die penetranten Gläubiger zu befriedigen. 
Der erste interessante Job ist die Begleitung eines exzentrischen, alten Wissenschaftlers namens Grumpos, der ein Faible für geheimnisvolle Artefakte hat. Bevor uns Grumpos akzeptiert, müssen wir ihm als Beweis für unsere Cleverness den Helm eines der örtlichen, dumpfbackigen Sicherheitskräfte besorgen. Gesagt, getan - mit Hilfe des ausgeschlachteten Helms können wir endlich auch die zuvor unverständlichen Aliens verstehen, der Babelfisch lässt grüßen. Bevor wir allerdings mit dem reizbaren Alten im Schlepptau die geheimnisvollen Mys-Tech-Tunnel betreten können, müssen wir a la Dark Project einen Mann verfolgen und einem Fußamputierten seine stinkende, vereiterte Socke abschwatzen. Dieses eklige Teil ist das Bestechungsgeschenk für das Untergrundgenie Eddie, der die Socke.... Aber nein, das erzähle ich jetzt nicht (schauder). 
Wie auch immer, letztlich führen uns die Wirrungen der Handlung auch an andere staunenswerte Plätze, zu fremden Planeten und zu gar merkwürdigen Geschöpfen. 

Dark City

Die oben erwähnte Engine gibt ihr Bestes, das Ergebnis ist ansehnlich aber doch vom heute Machbaren ein Stücksken entfernt, manches wirkt ein wenig grob und kantig. Dafür stimmt aber das Ambiente und die vielen kleinen Details, die eine Spielwelt erst glaubhaft und lebendig wirken lassen. Da sieht man winzige Handwerker Rohre flicken, fliegende Monitorscouts, flippige Gleiter, einen preisverdächtigen Springbrunnen, beim Starten eines Raumschiffs vibrieren die Schaufensterscheiben usw.
In den ersten Spielstunden habe ich mich fast wie Arnie in Total Recall gefühlt. Düstere, neonbeleuchtete Straßen und Vergnügungsviertel, Hightech und Verfall, Armut und Reichtum liegen dicht zusammen, verschachtelte Stadtbezirke und Orte an denen die künstliche Schwerkraft das Laufen an der Decke erlaubt. So manches Mal bleibt man stehen, schaut sich staunend um und ein Spieler, der dem Treiben auf den Abflugplattformen nicht fasziniert zuschaut, ist kein wirklicher Träumer. 
Lange Wege müssen zur Erledigung mancher Aufgaben zurückgelegt werden. Da der Wechsel zwischen den diversen Bezirken von leicht nervigen Ladesequenzen begleitet ist, kein pures Vergnügen. Unterwegs begegnen wir wichtigen und unwichtigen Dialogpartnern, die dezent animiert in der Gegend rumlungern oder leicht staksig die nähere Umgebung unsicher machen. Da wir uns oft mit Aliens herumdrücken, fällt die beschränkte Anzahl an Personentexturen kaum auf, denn bekanntermaßen gleichen sich die Aliens ja wie ein Ei dem anderen.
Während der Dialogsequenzen haben wir nur selten die Wahl zwischen mehreren Optionen, dafür aber jede Menge intelligenten Unsinn zu lesen.
Zu schicksalshaften Begegnungen oder z.B. beim Fahrstuhlfahren wird uns das Geschehen aus der Hand genommen und einer der rasant geschnittenen Filmszenen (In der Grafik des Spiels) wird abgespult. Gerade in solchen Filmschnipseln werfen sich die Akteure dramaturgisch geschickt die Pointen zu. Die engagierte Sprachausgabe lässt die nur passable Gesichtsanimation in den Hintergrund treten. Ansonsten ist es recht still in und um Annethomas, schaltet man die unauffällige sphärische Musik weg sind zwar diverse Raumschiffdüsen, Durchsagen, Klonks und Geräuschschnipsel zu hören, eine lebende Stadt hört sich aber anders an.

Sly`s Welt

Aber zurück zu Sly Boots, der mittlerweile seinen alten Spielzeugroboter in die Party aufgenommen hat. Insgesamt stehen im Laufe des Spiels sieben "Personen" zur Wahl, von denen wir jeweils drei durch die Pampas und in die Kämpfe führen können. Jede Person hat ihr eigenes Rollenspielprofil mit Levelaufstieg und allen genreüblichen Werten, verwaltet wird dieser Bereich aber komplett vom Computer. Schade? Nicht wirklich in diesem Fall, das Spiel gewinnt dadurch etwas an Rasanz und vermeidet Kompliziertes. Die jeder Figur eigenen Kampfskills (verrückte Sachen wie Fatimas Schild und schwindlig labern) und Weltskills (Schlösser knacken, Computer einloggen etc.) können bei entsprechenden Meistern verbessert werden.
Der Einsatz der Weltskills bringt kleine Actionspiele auf den Monitor, die ein wenig Mausgeschick und Cursorhektik mit sich bringen. Diese kleinen, grafisch und spieltechnisch eher schlichten Spiele, findet man auch an Spieltischen in den Kneipen oder wie z.B. bei einer flotten Flußfahrt als Bestandteil der Handlung.
Nett ist auch die zoombare Kamera die Sly als echter Schnüffler mit sich herumträgt und deren Bilder ihm so manchen Auftrag und das nötige Kleingeld einbringen.

Das Leben ist ein einziger Kampf...

Meine Herren, warum beschreibt er nicht die Kämpfe, gibts da keine oder was? Äh doch, doch. Schon mal Final Fantasy gespielt? Also, so ähnlich. Grafisch nicht übel, mit viel Bewegung, Farben, Special Moves und den seltsamsten Angriffen läuft die Kampfsequenz automatisch ab. Nachdem wir vorher einen Knopf gedrückt haben, aber nur dann wenn der Zeitkreis geschlossen ist. Fertig. 
Na gut, ein bisschen was ist doch noch zu tun. Da gibt es den Zugriff auf das Inventar, das voller obskurer Gegenstände ist, und die Entscheidung den Angriff  eventuell bis zur Erreichen des Special Moves herauszuschieben. Anstatt anzugreifen können wir auch die Position verändern oder Gegenstände im Raum aktivieren. 
Reicht eigentlich völlig aus sagt ihr? Stimmt schon, nur eine echte Herausforderung oder gar komplex wie in "richtigen" Rollenspielen sind die Kämpfe dadurch natürlich nicht. Auch die "Ich komm zum zweitenmal in ein Gebiet und muß wieder gegen die gleichen Viecher antreten"- Krankheit ist nicht so lustig.

Noch ein paar warme Worte zum Handling und Spielgefühl. Die Bedienung und Steuerung der Party bereitet keinerlei Schwierigkeiten und ist erfreulich simpel gehalten. Die "Ich schau Dir über die Schulter, Kleines"- Perspektive bringt die nötige Übersicht, in engen Räumen und beim Wechseln der gesteuerten Figur kommt es manchmal zu kurzzeitigem Ineinanderstehen. 
Anachronox spielt sich frisch von der Leber weg, die Handlung und die Aufgaben bzw. Rätsel sind kurzweilig und bevor man sich an einem Ort satt gesehen hat, geht's halt weiter. Nur die oben erwähnten langen Laufwege haben etwas meditatives, in Verbindung mit den Ladezeiten sogar nervendes. Gute Unterhaltung für Science-Fictionfreunde ist Anachronox allemal!

Hier tagt die Großfinanz
Psychedelischer Raumhafen
Großstadtlichter
Super Wissenschaftlerverkleidung
Grumpos hebt ab
Braver Teddy, brav
Fazit: Abgedrehte Weltraumoper mit Blade Runner und Total Recall - Anleihen. Locker, flockige Unterhaltung, atmosphärisch dicht, aber grafisch nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. 
1
Präsentation (1-20)
13
Systemanforderungen:
Minimum:  PII 266, 64 RAM
Empfohlen: PIII, 128 RAM
Platz auf HD: 1 GB
Schwierigkeitsgrad: normal
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1
Handhabung (1-20)
 18
2
Atmosphäre (1-20)
 17
1
Motivation (1-20)
 18
  Gesamtwertung
 83
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