Anachronox, eine Halskrankheit?
Anarcho...,Analo...oder was? So höre ich schon die geistlosen, unbelesenen
und bösartigen Computerspieler witzeln, die zum ersten Male mit dem
neuen Adventure-Rollenspiel von Eidos Bekanntschaft machen. Jeder halbwegs
gebildete Mensch weiß natürlich, dass Anachronox soviel wie
"Poison from the past" oder auf gut Deutsch "Mocke von früher" heißt.
Ein wenig Verständnis der englischen Sprache wird beim Spielen
von Anachronox vorausgesetzt, denn das Spiel ist komplett in Englisch und
wird aller Voraussicht nach auch nicht ins Deutsche übersetzt. Fluch
und Segen zugleich: Die Sprachbarriere wird dem ganz großen Erfolg
im Wege stehen, andererseits wäre eine adäquate Umsetzung der
sehr gelungenen Sprachausgabe und der verdammt coolen und pointierten Dialoge
keine leichte Aufgabe gewesen.
Leicht wird es für Anachronox eh nicht werden. Da kommt ein Spiel
ganz im Stil eines 3D-Egoshooters daher, die alte, verbesserte Beben2-
Engine musste noch einmal herhalten, liefert humorige und abgedrehte Adventurekost,
einen abgespeckten Rollenspielpart und Kämpfe im Konsolenstil. Sonst
noch was? Na klar - dem Ganzen wurde ein wahrhaft abgespacetes Szenario
und eine komisch, kosmische Handlung übergebraten, die jedem Douglas
Adams (Grüß mir die Sterne...) Fan eine Menge Spaß machen
müsste.
Fremde Welten, fremde Sitten
Ort der Handlung ist der Stadtplanet Anachronox, der durch seine beweglichen,
rotierenden Teile (!) ein ständig anderes Gesicht erhält. Anadings
selbst befindet sich in einer riesigen, stachelbewehrten Sphäre, dem
Sender One. Der Sender ist nur einer von vielen kosmischen "Bahnhöfen"
die per Transmitter den Reiseverkehr in der Galaxis sicherstellen. Klar,
dass diese Technik nicht unseren kleinen Affenhirnen entsprungen ist, viel
mehr ist dies die Hinterlassenschaft einer längst untergegangenen
bzw. spurlos verschwundenen Alienrasse. Heute wird dieses Erbe von diversen
Alienrassen genutzt, die, wie sollte es auch anders sein, jede zuerst ihre
eigenen Interessen im Auge hat.
Unser Held Sly Boots ist ein klassischer Privatschnüffler, früher
mal eine echte Granate, taugt er zur Zeit nur noch als Schnapsdepot und
Punchingball für die örtliche Gangsterinnung. Sein Büro
befindet sich in der oberen Etage von Rockys, einer mittelprächtigen
Kneipe im heruntergekommenen Stadtviertel Bricks und gerade im Moment geht
es Sly so richtig schlecht. Der einflussreiche Gangsterboss Detta hat einen
seiner Schläger auf Sly losgelassen um mal höflich nach der austehenden
Kohle zu fragen. Die Befragung endet mit einem Sturz durchs geschlossene
Fenster und einen metertiefen Fall mitten in den vollbesetzten Schankraum.
Das ist nun wirklich der absolute Tiefpunkt, findet übrigens auch
Fatima, seine eigentlich tote, aber virtuell höchst lebendige Sekretärin,
die ihr Büro übrigens in einem Lifecursor hat. Ein Job, ach was,
ein Sack Aufträge müssen her, allein schon um die penetranten
Gläubiger zu befriedigen.
Der erste interessante Job ist die Begleitung eines exzentrischen,
alten Wissenschaftlers namens Grumpos, der ein Faible für geheimnisvolle
Artefakte hat. Bevor uns Grumpos akzeptiert, müssen wir ihm als Beweis
für unsere Cleverness den Helm eines der örtlichen, dumpfbackigen
Sicherheitskräfte besorgen. Gesagt, getan - mit Hilfe des ausgeschlachteten
Helms können wir endlich auch die zuvor unverständlichen Aliens
verstehen, der Babelfisch lässt grüßen. Bevor wir allerdings
mit dem reizbaren Alten im Schlepptau die geheimnisvollen Mys-Tech-Tunnel
betreten können, müssen wir a la
Dark Project
einen Mann verfolgen und einem Fußamputierten seine stinkende, vereiterte
Socke abschwatzen. Dieses eklige Teil ist das Bestechungsgeschenk für
das Untergrundgenie Eddie, der die Socke.... Aber nein, das erzähle
ich jetzt nicht (schauder).
Wie auch immer, letztlich führen uns die Wirrungen der Handlung
auch an andere staunenswerte Plätze, zu fremden Planeten und zu gar
merkwürdigen Geschöpfen.
Dark City
Die oben erwähnte Engine gibt ihr Bestes, das Ergebnis ist ansehnlich
aber doch vom heute Machbaren ein Stücksken entfernt, manches wirkt
ein wenig grob und kantig. Dafür stimmt aber das Ambiente und die
vielen kleinen Details, die eine Spielwelt erst glaubhaft und lebendig
wirken lassen. Da sieht man winzige Handwerker Rohre flicken, fliegende
Monitorscouts, flippige Gleiter, einen preisverdächtigen Springbrunnen,
beim Starten eines Raumschiffs vibrieren die Schaufensterscheiben usw.
In den ersten Spielstunden habe ich mich fast wie Arnie in Total Recall
gefühlt. Düstere, neonbeleuchtete Straßen und Vergnügungsviertel,
Hightech und Verfall, Armut und Reichtum liegen dicht zusammen, verschachtelte
Stadtbezirke und Orte an denen die künstliche Schwerkraft das Laufen
an der Decke erlaubt. So manches Mal bleibt man stehen, schaut sich staunend
um und ein Spieler, der dem Treiben auf den Abflugplattformen nicht fasziniert
zuschaut, ist kein wirklicher Träumer.
Lange Wege müssen zur Erledigung mancher Aufgaben zurückgelegt
werden. Da der Wechsel zwischen den diversen Bezirken von leicht nervigen
Ladesequenzen begleitet ist, kein pures Vergnügen. Unterwegs begegnen
wir wichtigen und unwichtigen Dialogpartnern, die dezent animiert in der
Gegend rumlungern oder leicht staksig die nähere Umgebung unsicher
machen. Da wir uns oft mit Aliens herumdrücken, fällt die beschränkte
Anzahl an Personentexturen kaum auf, denn bekanntermaßen gleichen
sich die Aliens ja wie ein Ei dem anderen.
Während der Dialogsequenzen haben wir nur selten die Wahl zwischen
mehreren Optionen, dafür aber jede Menge intelligenten Unsinn zu lesen.
Zu schicksalshaften Begegnungen oder z.B. beim Fahrstuhlfahren wird
uns das Geschehen aus der Hand genommen und einer der rasant geschnittenen
Filmszenen (In der Grafik des Spiels) wird abgespult. Gerade in solchen
Filmschnipseln werfen sich die Akteure dramaturgisch geschickt die Pointen
zu. Die engagierte Sprachausgabe lässt die nur passable Gesichtsanimation
in den Hintergrund treten. Ansonsten ist es recht still in und um Annethomas,
schaltet man die unauffällige sphärische Musik weg sind zwar
diverse Raumschiffdüsen, Durchsagen, Klonks und Geräuschschnipsel
zu hören, eine lebende Stadt hört sich aber anders an.
Sly`s Welt
Aber zurück zu Sly Boots, der mittlerweile seinen alten Spielzeugroboter
in die Party aufgenommen hat. Insgesamt stehen im Laufe des Spiels sieben
"Personen" zur Wahl, von denen wir jeweils drei durch die Pampas und in
die Kämpfe führen können. Jede Person hat ihr eigenes Rollenspielprofil
mit Levelaufstieg und allen genreüblichen Werten, verwaltet wird dieser
Bereich aber komplett vom Computer. Schade? Nicht wirklich in diesem Fall,
das Spiel gewinnt dadurch etwas an Rasanz und vermeidet Kompliziertes.
Die jeder Figur eigenen Kampfskills (verrückte Sachen wie Fatimas
Schild und schwindlig labern) und Weltskills (Schlösser knacken, Computer
einloggen etc.) können bei entsprechenden Meistern verbessert werden.
Der Einsatz der Weltskills bringt kleine Actionspiele auf den Monitor,
die ein wenig Mausgeschick und Cursorhektik mit sich bringen. Diese kleinen,
grafisch und spieltechnisch eher schlichten Spiele, findet man auch an
Spieltischen in den Kneipen oder wie z.B. bei einer flotten Flußfahrt
als Bestandteil der Handlung.
Nett ist auch die zoombare Kamera die Sly als echter Schnüffler
mit sich herumträgt und deren Bilder ihm so manchen Auftrag und das
nötige Kleingeld einbringen.
Das Leben ist ein einziger Kampf...
Meine Herren, warum beschreibt er nicht die Kämpfe, gibts da keine
oder was? Äh doch, doch. Schon mal Final Fantasy gespielt? Also, so
ähnlich. Grafisch nicht übel, mit viel Bewegung, Farben, Special
Moves und den seltsamsten Angriffen läuft die Kampfsequenz automatisch
ab. Nachdem wir vorher einen Knopf gedrückt haben, aber nur dann wenn
der Zeitkreis geschlossen ist. Fertig.
Na gut, ein bisschen was ist doch noch zu tun. Da gibt es den Zugriff
auf das Inventar, das voller obskurer Gegenstände ist, und die Entscheidung
den Angriff eventuell bis zur Erreichen des Special Moves herauszuschieben.
Anstatt anzugreifen können wir auch die Position verändern oder
Gegenstände im Raum aktivieren.
Reicht eigentlich völlig aus sagt ihr? Stimmt schon, nur eine
echte Herausforderung oder gar komplex wie in "richtigen" Rollenspielen
sind die Kämpfe dadurch natürlich nicht. Auch die "Ich komm zum
zweitenmal in ein Gebiet und muß wieder gegen die gleichen Viecher
antreten"- Krankheit ist nicht so lustig.
Noch ein paar warme Worte zum Handling und Spielgefühl. Die Bedienung
und Steuerung der Party bereitet keinerlei Schwierigkeiten und ist erfreulich
simpel gehalten. Die "Ich schau Dir über die Schulter, Kleines"- Perspektive
bringt die nötige Übersicht, in engen Räumen und beim Wechseln
der gesteuerten Figur kommt es manchmal zu kurzzeitigem Ineinanderstehen.
Anachronox spielt sich frisch von der Leber weg, die Handlung und die
Aufgaben bzw. Rätsel sind kurzweilig und bevor man sich an einem Ort
satt gesehen hat, geht's halt weiter. Nur die oben erwähnten langen
Laufwege haben etwas meditatives, in Verbindung mit den Ladezeiten sogar
nervendes. Gute Unterhaltung für Science-Fictionfreunde ist Anachronox
allemal!