Schon der Zusatztitel von Arcanum
"Von Dampfmaschinen und Magie" deutet auf ein etwas anderes Szenario hin,
als es ein Großteil der erhältlichen Rollenspiele bietet. Durch
das Intro, in dem sich zwei Krieger auf einem Schlachtfeld mit magischem
Schwert und Pistole gegenüber stehen, wird dieses auch schon gleich
bestätigt, aber Troika Games haben schon als Entwickler von Fallout
bewiesen, dass sie atmosphärisch dichte und interessante Rollenspiele
entwickeln können.
Verschiedene Wege
Vor dem Spiel steht die Auswahl eines der 12 fertigen Charakters an oder
die Erschaffung eines eigenen. Schon hier zeigt sich, dass Arcanum nicht
für Anfänger im Rollenspielgenre gedacht ist. Fällt die
Wahl eures Charakters aus acht Rassen für das männliche Geschlecht
und vier für das weibliche schon nicht leicht, sorgen die ca. 40 wählbaren
Lebensgeschichten mit ihren Auswirkungen auf die Charakterwerte und Eigenschaften
für einen deutlich höheren Zeitaufwand, als es normalerweise
üblich ist.
Nach der Charakterwahl und einem weiterem Intro, in dem der Abschuss
eines Zeppelins durch Flugmaschinen gezeigt wird, findet ihr euch im Spiel
wieder und müsst nach einem Gespräch mit einem sterbendem Mann
feststellen, dass ihr der einzige Überlebende seid.
Als letzten Willen gibt euch dieser einen Ring und beauftragt euch,
dessen Besitzer zu finden. Das dieser Auftrag noch längst nicht der
letzte auf eurer Reise durch Arcanum ist, wird Rollenspieler nicht überraschen.
Die komplette Story erschließt sich euch - wie soll es auch anders
sein - erst im weiteren Spielverlauf. Dabei seid ihr während des Spiels
aber nicht an den linearen Handlungspfad der Hauptstory gebunden, sondern
könnt euch jederzeit um die in Hülle und Fülle vorhandenen
Nebenquests kümmern.
Interessant an den Aufträgen ist, dass man oft mehrere verschiedene
Wege beschreiten kann, um diese zu erledigen. So ist es natürlich
möglich, fast jedes Problem mit Gewalt aus dem Weg zu räumen,
aber es geht auch anders. Per Taschendiebstahl kann z.B. ein wichtiger
Ring entwendet werden, ihr überzeugt andere während der Multiple
Choice Gespräche, dass sie Gegenstände doch besser freiwillig
herausgeben oder schleicht euch an Wachposten vorbei.
Viele eurer Taten nehmen dabei Einfluss auf eure Gesinnung und euren
Ruf. Abhängig davon werdet ihr mehr oder weniger freundlich von den
verschiedenen NPC's empfangen. Zusätzlich sorgt die Gesinnung noch
dafür, welche Mitstreiter sich euch anschließen oder euch verlassen.
Echtzeit oder Runden?
In Rollenspielen wird naturgemäß viel gekämpft und Arcanum
ist da keine Ausnahme. Ihr habt die Wahl zwischen einem Runden- und einem
Echtzeitmodus. Der Echtzeitmodus ist dabei so schnell und unübersichtlich,
dass man es kaum schafft, mal einen Heiltrank zu nehmen. Durch einen Druck
auf die Leertaste kann aber jederzeit der rundenbasierte Kampf eingeschaltet
werden, so dass man schnell eingreifen kann, wenn ein Kampf in Echtzeit
nicht wie erwartet verläuft.
Natürlich stehen euch für die Kämpfe die üblichen
Waffen und Zaubersprüche wie Schwerter und Feuerbälle zur Verfügung,
die man von Rollenspielen so kennt. Da in die Welt von Arcanum auch die
Technik Einzug gehalten hat, könnt ihr u.a. auch mit Pistolen schießen
oder Molotow Cocktails bauen.
"Dampfmaschinen und Magie" vertragen sich aber nicht und schränken
sich in der Wirkung ein, so dass sich euer Charakter für eine der
beiden Seiten (Technik oder Magie) entscheiden muss. Bei jedem Levelaufstieg
(max. Level 50) könnt ihr einen Punkt vergeben, mit dem ihr entweder
eine der acht Charaktereigenschaften ausbaut, einen der 80 Zaubersprüche
oder eine von 56 Fertigkeiten verbessert. Abhängig von eurer Wahl
schlägt dann ein Pendel Richtung Technik bzw. Magie aus und verschlechtert
die Chancen, mit der die jeweils andere Seite angewendet werden kann.
Durch die vielen Kombinationsmöglichkeiten besteht daher ein hoher
Wiederspielwert.
Atmosphäre
In Arcanum werdet ihr nicht nur viele Kämpfe bestreiten, sondern auch
unheimlich viele Gespräche führen. Die Gespräche laufen
dabei in bester Multiple Choice Manier ab und die Anzahl sowie die Qualität
der Antwortmöglichkeiten hängt dabei von der Höhe eures
Intelligenzwertes ab. Wer wirklch witzige Dialoge erleben will, sollte
mal mit einem Halb-Oger durch Arcanum reisen, dessen Intelligenzwert bei
4 liegt.
Alle wichtigen Gespräche mit Personen, die ihr zur Bewältigung
und zum Verständnis der Story führen müßt, sind zusätzlich
noch mit einer gelungenen Sprachausgabe unterlegt. Allgemein ist die Lokalisierung
der deutschen Version gut gelungen und wirkliche Schnitzer bei der Übersetzung
sind mir nicht aufgefallen.
Und sonst?
Arcanum ist leider wieder eines der Rollenspiele, die eine unheimlich detaillierte
Charakterentwicklung bieten und auch sonst alles enthalten, was zu einem
guten Rollenspiel gehört, aber grafisch hinter den technischen Möglichkeiten
zurückbleiben. Wer die Fallout Serie kennt, wird feststellen, dass
sich seitdem nicht viel geändert hat.
Eine tolle Idee ist das Setzen von Wegpunkte in der Übersichtskarte,
die automatisch abgelaufen werden. Schade ist nur, dass zwar Geschäfte
auf der Karte eingespeichert werden, aber Personen, die sich immer am selben
Ort aufhalten nicht. Das sorgt für unnötige Laufereien und hätte
zumindest durch die Möglichkeit einer Kartenbeschriftung durch den
Spieler umgangen werden können.
Eine weitere praktische Funktion ist, dass das eigene Inventar mit
einem Klick aufgeräumt werden kann. Warum ich aber beim Handeln nur
das Inventar des eigenen Charakters aufrufen kann und nicht das meiner
maximal fünf Mitstreiter, ist mir ein Rätsel. So muss ich Gegenstände,
die ich verkaufen oder identifizieren will, erst in das Inventar meines
Charakters verschieben.