Die Zeit vergeht im Sauseschritt...Was sind schon zehn Jahre im Leben eines Menschen? Verdammt viel wenn Ihr mich fragt. Was da nicht alles passieren kann: Faltenbildung, Haarausfall, chronischer Fußpilz, der deutsche Fußball kackt ab, die Pokemonseuche und die Entwicklung von Civilization zu Civilization 3. In Sid Meiers Evergreen Civilization sind die nächsten zehn Jahre häufig nur einen Mausklick entfernt und so beschleicht mich bei der Installation ein angenehm nostalgisches Gefühl. Nun ja, und ein wenig Skepsis. Wie viele CIV-Klone gab es in den letzten Jahren? Ich erinnere da nur an Call to Power, Test of Time, Alpha Centauri. Allesamt ordentliche bis gute Spiele, die das alte Spielprinzip dezent abänderten, innovatives einbauten und letztlich im Nebel der Geschichte und von meiner Festplatte verschwunden sind.
Aber nur wo Sid Meier draufsteht ist auch Civilization drin und getreu diesem Motto präsentiert der alte Stratege erneut ein generalüberholtes Spiel mit kleinen aber feinen Neuerungen und sinnvollen, spielerleichternden Verbesserungen.
Start und ZielDer wie immer sehr freien, komfortablen Gestaltung der Weltkarte, der Wahl des eigenen Volkes und der Gegner - bis zu fünfzehn Völker gleichzeitig können uns den Sieg streitig machen - stehen die fehlenden Szenarien und Mehrspieleroptionen gegenüber. Diese sollen erst im März 2002, wenn auch die deutsche Version erscheint(!), ins Programm integriert werden. Die von mir getestete US-Version kommt in aufwendiger Verpackung und mit dickem Handbuch daher. Neulinge müssen hier den ein oder anderen Blick riskieren, oder eben Lehrgeld zahlen, aber auch Veteranen sollten sich über die Neuerungen informieren. Es wurde zwar einiges für die Übersichtlichkeit in den diversen Menüs getan, viele Spielabläufe und Managementfunktionen können getrost automatisiert der KI überlassen werden, aber natürlich bleibt CIV3 ein überaus komplexes Spiel und nur ein Herrscher, der über die Jahrtausende die richtigen Entscheidungen trifft, wird letztlich den Sieg davontragen.
Am eigentlichen Spielablauf wurde nicht groß gedreht. Der Spieler übernimmt in grauer Vorzeit ein ihm genehmes Volk , das sich z.B. durch militärische oder Handelsvorteile sowie eine Spezialeinheit auszeichnet, führt dieses durch die Wirren der Jahrhunderte, forscht, erobert, kolonisiert , betreibt Handel und unterhält freundschaftliche (denkste!) Beziehungen zu den lieben Nachbarn. Die Optionen das Spiel zu gewinnen haben sich erweitert, natürlich ist es immer noch möglich alle Gegner auszulöschen oder bis zum Jahre 2050 ein Raumschiff zusammen zuschrauben um die Sterne zu erreichen, aber auch eine „kulturelle“ Überlegenheit oder eine 2/3 Dominanz kann zum Sieg reichen.
Des Kaisers neue KleiderRundenweise vergrößern wir unseren Einflussbereich, deutlich sichtbar an den „Kulturgrenzen“, die sich durch Weltwunder und Gebäude in den Städten von Zeit zu Zeit erweitern. Völlig neu ist das Rohstoffmanagement. Neben den drei Hauptressourcen Lebensmittel, Gold und Produktionseinheiten brauchen wir z.B. zur Herstellung eines Ritters ein erreichbares Eisenvorkommen. Manche Rohstoffe tauchen auch erst nach neuen Erfindungen auf der Karte auf und können dann abgebaut werden. Sollten in unserem Einflussbereich etwa keine Schwefelbäume wachsen, bleibt uns immerhin noch die Bildung einer neuen Kolonie und der Blick über die Grenzen und in das Diplomatiemenü.
Hier ist nun wirklich differenziertes Vorgehen möglich und die wildesten Tauschgeschäfte (z.B. Luxusgüter, Landkarte und eine ungeliebte Stadt gegen Einheiten und Beendigung der Feindseligkeiten) sind mit wenig Aufwand eingestielt. Die Führer der anderen Nationen verhalten sich clever, Vertragsbrüche sprechen sich rum und ehe man sich versieht hat man eine Allianz aufgebrachter Krieger vor den Stadtmauern. Diplomaten-, Spione- und Karawaneneinheiten sind durch die erweiterten Funktionen des Diplomatenmenüs überflüssig geworden. Den Ausbau der näheren Umgebung mit Straßen, Minen und Rohstoffabbau übernehmen nun Arbeiter, auf Wunsch auch vollautomatisch. Die Herren sind sogar so schlau im gesamten Einflussbereich nach Betätigungsfeldern zu suchen und bei feindlichem Truppenaufmarsch die nächste rettende Stadt anzusteuern.
Der Unterhalt unserer militärischen Einheiten wird neuerdings einfach mit Gold bezahlt und fällt nicht mehr einzelnen Städten zur Last. Ebenso unkompliziert wird ein mögliches Upgrade über die Brieftasche abgewickelt. Einige wichtige Veränderungen gibt es auch bei der Truppenbewegung. So können nun gegnerische Truppen aneinander vorbeiziehen ohne sich zu blockieren, Siedler, Arbeiter und Artillerie können gekidnappt werden und Flugzeuge verfügen nun stationär über einen Angriffsradius. Das Terrain wirkt sich auf die Mobilität, Sichtweise und die Verteidigungsfähigkeiten aus. Erfolgreiche Einheiten können den Veteranen- oder Elitestatus erlangen oder durch einen der neuen und seltenen Leader anführt werden.
Die Weltkarte und die Ratgeberscreens bieten nun wesentlich mehr Informationen, so dass man längst nicht mehr so häufig in den Stadtmenüs nach dem Rechten sehen muss. Der von störendem Ballast befreite Spielablauf ist flüssiger, bei fortschreitender Größe des eigenen Reiches stellt sich aber, wie in allen CIV-Versionen, auch hier ein gesteigertes klickintensives Arbeitspensum ein.
Das Auge isst mit - RülpsDer optische Eindruck der gewohnt isometrischen Darstellung ist traditionell spartanisch, übersichtlich und nur leidgeprüfte CIV-Veteranen können sich noch über die nun rudimentär animierten Einheiten und den allgemein etwas edleren Gesamteindruck freuen. Zwischensequenzen oder Videoschnipsel sucht man vergebens, selbst beim Bau eines Weltwunders muss man die eigene Phantasie strapazieren. Auch die Stadtbilder sind langweilig und ohne Flair. Die Geräuschkulisse schließt sich dieser ärmlichen Vorstellung an und hüllt sich in Schweigen, unterbrochen von rudimentären Kampfgeräuschen und nur durchschnittlicher Musikuntermalung.
Aber es kommt wie es kommen muss: Natürlich ist CIV3 das subjektiv beste CIV aller Zeiten. Diese vielen kleinen Detailverbesserungen machen sich im Spielablauf motivierend bemerkbar und entfachen aufs Neue die alte Leidenschaft. Das Spielprinzip ist eben einfach genial, dass es nach so vielen Jahren auch heuer wieder die Spieler in die Schlaflosigkeit treiben wird. Die mangelnde Mühe, die man sich unverständlicherweise mit dem „multimedialen Drumherum“ gegeben hat, muss man den Entwicklern mittlerweile zum Vorwurf machen. Des Kaisers neue Kleider hätten ruhig etwas Aufsehen erregender werden können.