Michael Travinsky ist ein Mann wie Du und ich, langhaarig, etwas größer als der Durchschnitt und ganz gut in Schuss. Wie alle Männer in seinem Alter fährt er gerne über einsame Bergstraßen durch die undurchdringliche Nacht und hört dazu etwas zu laute Musik. Zu seinem Pech gibt es noch eine zweite Spezies Mann, die das undurchdringliche Schneetreiben nutzt um mal so richtig ins Schleudern zu kommen: Den unerschrockenen Lastwagenheld. Wer kennt ihn nicht, wenn er 35 Zentimeter hinter unserem Kleinwagen mit aufgeblendeten Suchscheinwerfern seinen Sekundenschlaf einnimmt. Es kommt wie es kommen muss. Eine enge Kurve, quietschende Reifen, Meikel gegen den LKW, der LKW gegen Meikel, ohrenbetäubender Lärm und unser Mann hat verloren.
Das Leben nach dem TodEigentlich ein klarer Fall für die Unfallstatistik aber Michael hat noch mal Schwein gehabt. Äußerlich unversehrt aber mit bohrenden Kopfschmerzen und einem massiven Gedächtnisverlust wacht er in einer mittelalterlichen Welt wieder auf. Die Mönche des ihn beherbergenden Klosters eröffnen Michael, dass er der lang erwartete Held ist, der die Menschheit im Kampf gegen das Böse anführen soll. Ausgestattet mit dem mystischen Schwert des Lichts und einigen guten Ratschlägen versehen, stapft Michael in die unheimliche Sumpflandschaft hinaus, seiner Bestimmung entgegen.
Archangel ist ein recht einfach gestricktes Action-Adventure in dem unser Held bei schmissiger Musik durch drei verschiedene Schauplätze gescheucht wird: Ein dämonenverseuchtes Mittelalter, das dämonenverseuchte Neu-Berlin und natürlich die dämonenverseuchte Unterwelt. Wir steuern unseren Helden in bewährter Third-Person-Perspektive durch mittelprächtig hübsche aber stimmungsvolle Szenarien und nieten erst mal alles um, was uns vor diverse Schneidwerkzeuge und später dann vor die Mündung läuft. Gleich zu Beginn treffen wir unseren persönlichen Schutzengel und den Herrn des Lichts, der uns vor die Wahl stellt als mächtiger Krieger oder eher als nebulöses Geistwesen die Horden des Bösen zu bearbeiten.
Rollenspiel lightDiese Wahl ermöglicht Michael eine zeitlich beschränkte Verwandlung in einen nahezu unverwundbaren Klopper oder eben in einen deutlich unauffälligeren Geist. Großartige Charakterwerte müssen nicht beachtet werden, ein roter Lebensbalken und ein sich langsam erneuender blauer Energiebalken, mehr braucht der genügsame Held nicht. Die Erfahrungs- bzw. Segenspunkte, die wir durchs Monsterplätten oder die Subquests erhalten, können in verbesserte Regeneration und diverse Schutz- und Angriffsfähigkeiten umgesetzt werden. Die Fähigkeiten wie Schutzschild, Hypnose, Unsichtbarkeit oder Nachtsicht sind in drei Stufen zu trainieren und werden beim Einsatz durch den sich stetig verringernden Energiebalken limitiert.
Jedes Szenario bietet eine Hauptquest und auf dem Weg dahin kleinere Nebenaufgaben. Da wartet ein besessenes Dorfoberhaupt auf seine Enttarnung, die örtliche Hexe bekommt was sie braucht und für einen blinden Eremiten gehen wir ins finsterste Dungeon Blümchen pflücken.
Das ist alles recht geradlinig, Rätsel habe ich nicht gefunden, dennoch spielt sich das Ganze recht amüsant und kurzweilig. Die Ober- und Unterwelt des Mittelalters ist recht verschlungen und so ganz ohne Karte sucht und rennt man schon mal ein bisschen `rum, aber die moderate Monsterdichte lässt keinen großen Stress aufkommen.
Erst schlagen, dann fragenBesondere taktische Finessen werden uns nicht abverlangt. Entfernte Monstren dürfen im Mittelalter mit Pfeil und Bogen und in der Neuzeit mit dem Heckenschützengewehr angeknabbert werden. Kommt es zum Nahkampf, wird halt auf Dämon komm raus drauflosgeklickt. Die Gegner erweisen sich dabei als mäßig helle, immerhin nehmen einige von ihnen Reißaus oder verstecken sich hinter der nächsten Ecke. Treppensteigen mögen einige finstere Kreaturen überhaupt nicht, womöglich sind sie anatomisch dazu auch gar nicht in der Lage. Immerhin ist das höllische Kroppzeug, besonders die menschlichen Gegner, recht fix, so dass unser Kugelhagel häufig ins Leere geht. Ohne Schnellspeicherung würde sich bald leichter Frust breit machen.
Besonders viele verschiedene Gegner werden nicht geboten, die Animation ist okay aber wirklich keine Spitzenklasse. Michael selbst scheint etwas hüftlahm und verändert sein Erscheinungsbild im Laufe des Spiels, deutlich sichtbar an seinen martialischen Rückentätowierungen und dem immer weißer werdenden Haar. Na ja, großartige akrobatische Leistungen werden ihm ja auch nicht abverlangt. Hier mal ducken, da mal springen, ansonsten immer brav auf dem Pfad bleiben und sich nach herumliegenden Erstehilfepacks und Munition bücken.
Ich wasch Dir den Mund mit Seife aus, BabyGespräche mit NPC`s und spielentscheidende Momente werden in der Grafik des Spiels präsentiert und bieten professionelle Sprecherleistungen. In der Neuzeit werden die Beschimpfungen der Gangster etwas zu drastisch: Friss Sch..... und A....loch haben mich dezent erröten lassen. Immerhin musste ich mir keine umherfliegenden Leichenteile aus dem Gesicht wischen und geblutet wird höchst angemessen.
Ein grober Klotz zum Schluss: Gegen Ende des zweiten Akts schmierte mir in einer Schlüsselszene das Spiel jedes Mal ab, so dass ich den dritten Part nur erahnen kann. Wenn hier ein Patch Abhilfe schafft, ist Archangel durchaus ein Spiel, das zu unterhalten weiß und die Wartezeit auf gehaltvollere Genrevertreter vertreibt.