Wenn der Sandmann dreimal klingelt
Schlafen ist schön! Ich kann nie genug davon kriegen. Dieses elende
ungemütliche Winterwetter treibt einen aber auch wirklich in die Federn
und mit der Hoffnung auf süße Träume schlafen wir mit einem
seligen Lächeln ein. Nun entscheidet es sich: Ausgehend von Eurem
Glückscharakterwert würfelt Euch das Sandmännchen langweilige
Träume (Testbericht für Tomb Raider 14 schreiben), schöne
Träume (Testbericht für Diablo 2 schreiben), oder feuchte Träume
(Testbericht unter einem Lustobjekt meiner Wahl schreiben). Aber es gibt
auch diese finsteren, unheimlichen und bösen Träume, Träume
die Angst machen und nicht enden wollen.
Welcome to my nightmare
Nun stellt Euch vor: Ihr werdet morgens mit einem seltsam leeren Gefühl
im Kopf wach und das erste was Ihr wahrnehmt, ist ein in der Luft
schwebender grinsender Totenschädel, der lässig seinen letzten
verbliebenen Zahn in die Luft schnippt. Während Ihr Euch mühsam
von dem harten Steinblock erhebt, nehmt Ihr Euren gräßlich vernarbten
leichenhaften Körper wahr. Verdammt, Ihr könnt Euch wirklich
an nichts erinnern, selbst Euer Name ist Euch entfallen.
Ich bin mir ziemlich sicher, das ich damit das übliche Morgengrauen
eines typischen GameCaptain-Lesers beschrieben habe. Freut Euch, hier kommt
ein Rollenspielknaller genau für diese exquisite Zielgruppe.
Mit der Baldurs Gate Engine im Rücken wird hier ein Rolli ganz
besonderer Prägung an die Zombies, pardon Computerspieler, gebracht.
Anstatt der üblichen Goblins, Orks und Drachen warten hier Ghule,
Schädelratten und geisterhafte Erscheinungen auf den namenlosen Helden.
Auch die Spielumgebung erinnert mit ihrem Müllhalden, Slums, Katakomben
und den permanenten Ekeleinlagen eher an diverse 3D-Shooter als an die
sonst üblichen Fantasyszenarien. Nichtsdestotrotz ist Planescape,
eine durch Dimensionstore verbundene Welt von geisterhaften Ebenen, ein
nach AD&D-Regeln aufgebautes Rollenspieluniversum mit den allseits
bekannten Charakterwerten und -klassen, dem Stufenaufstieg, den verschiedenen
Gesinnungen (chaotisch bitterböse bis schmuse suberlieb) und einer
zünftigen Party.
Die etwas andere Party
Habe ich zünftige Party gesagt? Vielleicht wäre bizarr oder suspekt
treffender. Morte, den schwebenden Totenschädel kennt Ihr bereits.
Morte bekämpft seine Gegner vornehmlich mit seinem vorlauten Mundwerk
und seinem Gebiß, äh Zahn. Dak`kon ist ein Kämpfer/ Magier
aus dem Volk der Githzerai mit dem Aussehen eines alten Vampirs und einer
nebelhaften Vergangenheit, Annah eine rattenschwänzige Lumpensammlertochter,
oder wie wäre es mit einem hübschen Sukkubus?
Unser Held, der Namenlose, schießt sicherlich den Vogel ab: Untot,
vernarbt, bedeckt mit rätselhaften Tätowierungen ist er ein Mann
ohne Gedächtnis auf der Suche nach seiner Vergangenheit. Hübsch
ist er sicherlich nicht, aber dafür ist er auch nicht so leicht auszuschalten.
Wenn er nicht gerade atomisiert oder verdaut wird, erwacht er nach seinem
Ableben immer am Beginn des jeweiligen Spielabschnitts mit all seinen Besitztümern
und voller Punktzahl. Seine natürliche Regenerationsfähigkeit
baut verlorene Trefferpunkte allmählich wieder auf und gnädigerweise
beginnt er das Spiel als Krieger der dritten Stufe.
Nachdem er sich am Ort seines Erwachens, der örtlichen Leichenhalle,
umgesehen hat, den ersten kleinen Auftrag erledigt (Nadel und Garn für
eine Leichenflickerin besorgen!) kann er in Sigil, der Stadt zwischen den
Ebenen, die auch die Stadt der Tore genannt wird, herumspazieren.
Der Blickwinkel von schräg oben erinnert an Baldurs Gate ist aber
näher dran. Einige dumme Sachen wurden leider auch übernommen,
so ist das Auffinden von Eingängen manchmal etwas mühsam, dafür
wurde die Wegfindungsroutine dezent verbessert. Das Spiel wird für
meinen Geschmack durch zu viele Nachladephasen unterbrochen, das Betreten
jeder noch so kleinen Location ruft den Loadingbildschirm auf den Plan.
Die handgemalte, gute Grafik ist sehr detailliert und erfordert mehr als
einen Blick um alle Einzelheiten zu erfassen und um die räumliche
Anordnung aller Bildelemente zuzuordnen. Die Animationen der Akteure sind
flüssig und wirken befriedigend "echt", es entsteht der Eindruck einer
lebendigen Umgebung. Die Helden können auch einzeln agieren, rennen,
beim untätigen Herumstehen gibt's einen dummen Spruch oder "gelangweilte"
Animationen. Genau wie bei Baldurs Gate können Kampfsituationen angehalten
werden um Anweisungen zu geben, Zaubersprüche werden ausgewählt
oder es wird auf den "Gürtel" zugegriffen. Bei derlei Aktionen kann
ein kleines Hilfsmenü eingeblendet werden.
Der Schwerpunkt bzw. der Belohnungsfaktor durch Erfahrungspunkte, liegt
aber bei den Arbeitsaufträgen und den teilweise sehr ausführlichen
Gesprächen. Es wird ausnehmend viel geschwätzt, der Intelligenzwert
des Helden hat direkten Bezug zur Anzahl der Dialogoptionen, halt wie im
richtigen Leben. Die Dialoge sind interessant zu lesen, gut lokalisiert
und manchmal angenehm gewitzt. Gerade zu Beginn des Spiels stürzt
eine Vielzahl an Informationen und Aufträgen auf den verwirrten Spieler
nieder und der nichtlineare Aufbau führt zu einer gewissen Desorientiertheit,
aber das paßt ganz gut zur Situation des Namenlosen.
Nach ein paar Stunden Spielzeit lichtet sich das Chaos und man kann
richtig schön in diese seltsame Welt eintauchen. Dabei seien sensible
Naturen gewarnt, das Spiel glänzt mit rabenschwarzen Humor und schreckt
auch vor minutiös beschriebenen ekeligen Aktionen nicht zurück.
So kann der Held seine Körperteile bei Bedarf gegen "bessere" austauschen,
bei einer alten Leichenfledderin läßt er seine Eingeweide nach
versteckten Gegenständen absuchen. Beides, den gefundenen Ring und
sein Gekröse, kann er hernach im Inventar spazierentragen.
Die Aufträge laufen nach bekannten Muster ab: Erledige für
A einen Job, vernichte oder kontaktiere B, gehe weiter nach C, komme zurück
nach A und gehe nicht über Los. Da es sich aber teilweise um äußerst
merkwürdige Aufgaben handelt, bleibt die Geschichte sehr unterhaltsam
und spannend. Kleine Kostprobe? Tief unter der Erde begegnet der Namenlosen
einem verwirrten Skelett, das sich den Kopf über ein wirklich schwieriges
Rätsel zerbricht. Ein paar Schritte weiter steht ein kicherndes Skelett,
mit dem wir erst in einen Rätselwettstreit treten müssen, bevor
er uns des Rätsels Lösung verrät. Oder die Geschichte von
der Dimensionsreisenden, die seit 30 Jahren durch keine Tür mehr geht,
nur durch unsere Connections findet sie den Weg nach Hause. Als Belohnung
erhält Morte einen neuen Satz Zähne!
Auch das praktische (wie immer zu kleine) Inventar enthält Absonderlichkeiten:
Rattenschwanztalismane, Arme, die man auch als Keulen benutzen kann, Balsamierungsöl,
versteinerte Blutstropfen und natürlich auch schon mal den Kopf eines
Verräters.
Eine übersichtliche, beschreibbare Karte sorgt für den nötigen
Überblick und durch ein sehr überzeugendes Tagebuch und Journal,
nebst Monsterlexikon kann man auf eigene Notizen fast völlig verzichten.
Sehr komfortabel.
Und was gibt`s zu hören? Die Musik ist sphärisch unauffällig
und paßt sich dem Spielgeschehen an. Neben den durchschnittlichen
Hintergrundgeräuschen meldet sich ab und an ein Partymitglied oder
ein NPC zu Wort. Das ist zwar recht sparsam, aber von befriedigender Qualität.
Die wenigen Bugs (manchmal ruckelnde Grafik, fehlende Positionsmarker)
scheinen durch den frisch erschienenen Patch behoben worden zu sein. Damit
dürfte es, außer mangelnder Kohle, kaum noch eine Entschuldigung
geben, das Spiel im Regal stehen zu lassen oder um beim Torment - Jargon
zu bleiben: Hört auf mit der Knochenschüssel zu klappern und
schiebt den nächsten Schlepper das nötige Klimper rüber!