Das Aufbaustrategiegenre ist fest in deutscher
Hand. Anno 1602 und die letzten beiden Siedler-Teile
sowie Die Völker und Cultures
zählen zu den beliebtesten Spielen überhaupt hierzulande und
nur Pharao konnte bislang in die dt. Phanlanx einbrechen. Das versuchte
auch PopTop schon mal, die sich mit Railroad Tycoon 2 einen Namen machten
aber nicht an den Erfolg des Vorgängers anknüpfen konnten. Dennoch
blieben sie dem Genre treu und lehren nun mit Tropico die deutsche Konkurrenz
das Fürchten.
Klein aber fein
Während man bei der Konkurrenz oft riesige Reiche aufbauen und am
Laufen halten muß, beschränkt Tropico sich auf eine einzige,
überschaubare Insel gleichen Namens. Als frisch gewählter Presidente
übernimmt man die Geschicke des kleinen Staates und hat sich um das
Wohl von Bevölkerung, Wirtschaft und Touristen zu kümmern, sollte
dabei aber nicht sein eigenes vergessen, denn auch das eigene schweizer
Bankkonte will gefüllt werden.
Hier sieht man schon den ersten großen Unterschied zu Siedler
& Co. Waren die - abgesehen vom Knuddelfaktor - eher ernst, nimmt Tropico
sich gern auf die Schippe und man findet immer wieder witzige Begebenheiten
und Kommentare zum Spiel. So zum Beispiel schon im Tutorial. "Die Leute
mögen Mais, Mais macht satt. Aber was wissen die schon", lästert
unser Berater. Das Tutotial ist vorbildlich, es führt den Spieler
in die wesentlichen Belange des Spiels ein, verzettelt sich aber nicht
in Details und läßt so dem Spieler noch viel Raum für spätere
Entdeckungen ohne ihn völlig hilflos dem Spiel zu überlassen.
Mustergültig
Doch das wäre auch schwerlich möglich, denn von ein paar Nickeligkeiten
ist Tropico überaus komfortabel zu spielen. Jederzeit läßt
sich die Spielgeschwindigkeit mit einem Klick anpassen oder sogar pausieren,
und man kann in aller Ruhe die nächsten Aufgaben planen. Die Menüs
sind übersichtlich, die Statistiken ausführlich und doch schnell
zu durchschauen und mit der Zoom-Funktion kann man sich jederzeit den Überblick
verschaffen.
Mustergültig auch die Konfigurierbarkeit des Schwierigkeitsgrades.
Hier kann sich jeder seine optimale Herausforderung kreiren, von der Fläche
und den Höhenunterschieden der Insel, über Bevölkerung,
Rohstoffe, Vegetation usw. ist alles einstellbar. Außerdem kann man
sich noch diversen Szenarien stellen, z.B. als vertriebener Herrscher der
seine Heimat nun zu Grunde richten will, in dem er aus Tropico ein Zigarren-Imperium
macht...
Spieltiefe ohne Untiefen
Bei Anno und Co dreht sich alles um komplexe Wirtschaftskreisläufe.
Man hat nur selten eine Wahl wie man vorgeht, die Umweltgegebenheiten zwingen
einen dies oder das anzubauen, die Bürger wollen dies und jenes und
so baut man eigentlich immer die gleichen Gebäude.
Tropico hat einen anderen Ansatz. Die Kreisläufe sind eher klein
(Tabakplantage produziert Tabak, Ziggarenfabrik macht daraus Zigarren),
dafür bieten sich dem Spieler (zumindest im freien Spiel) viel mehr
Möglichkeiten seine Bevölkerung zufrieden zu stellen. Ohnehin
gilt, wie im richtigen Leben, das man es doch nicht allen politischen Gruppierungen
recht machen kann. So kann man sein Geld durch Touristen verdienen, baut
einen Yachthafen, Hotels, Bars, Strandbäder, Casions, womöglich
einen Flughafen und kann ihnen evtl. sogar eine archäologische Ausgrabung
bieten. Oder man beutet die natürlichen Ressourcen aus, holzt die
ganze Insel ab, pflastert sie mit Minen zu und verkauft alles. Oder man
konzentriert sich auf Landwirtschaft und Industrie. Eine Mischung aus allem
ist natürlich auch möglich und es wird einige Spiele dauern is
man die Variante gefunden hat, die einem am besten liegt.
Doch bei all dem Streben nach Profit sollte man die Wünsche seiner
Bürger doch nicht so ganz aus den Augen verlieren. Schließlich
braucht man sie auch als Arbeitskräfte. Jede Einrichtung hat Arbeitnehmer,
die eine bestimmte Qualifikation haben müssen und einen vom Spieler
festzulegenden Lohn bekommen. So braucht man für das Kraftwerk z.B.
Arbeiterinnen mit Universitätsabschluß, hat man die nicht, muß
man Ausländer anwerben, was wieder Geld kostet und überdies das
Risiko birgt, das sie wieder verschwinden, wenn ihnen was nicht passt.
Spätestens dann wünscht man sich, man hätte doch auf die
Interlektuellen gehört und eine Universität gebaut.
500 Persönlichkeiten
Das man bei einem Aufbauspiel einzelne Bewohner beobachten kann ist nichts
Neues, wohl aber das jeder eine völlig eigene Persönlichkeit
mit Fähigkeiten und Bedürfnissen hat. Man kann jede Person auf
dem Bildschirm anklicken und erfährt was sie gerade denkt, wie zufrieden
sie mit dem Job und ihrer Wohnung ist usw. Klickt man auf ein Gebäude
werden alle dort Beschäftigten mit Pfeilen markiert, deren Farbe auch
ihre Zufriedenheit anzeigt, selbiges gilt, wenn man die Anhänger einer
politischen Gruppierung zu sehen wünscht.
Drei Hauptbedürfnisse sollte man in jedem falle befriedigen, nämlich
Wohnraum (für den man auch wieder Miete kassiert), Job und Nahrung.
Doch auch für Unterhaltung will gesorgt sein, die Umwelt darf nicht
vernachlässigt werden, Medizin und Glauben müssen berücksichtigt
sein und man will sich natürlich auch frei fühlen. Soldaten an
jeder Ecke und frie Waghlen an die sich niemand mehr erinnern kann sind
da nicht eben förderlich.
Eine Karriere auf Tropico
Ein Erdbeben hat Tropico erschüttert, fast alles wurde zerstört.
Nur mein Palast, eine Baufirma und der Hafen (dient als Umschlagplatz für
Waren und Anlaufstelle für Einwanderer) stehen noch und gerade mal
20 Tropicaner haben überlebt. Nun soll ich in fünfzig Jahren
die Bevölkerungszahl auf 300 anheben bei einer Zufriedenheit von 60%,
so die Vorgabe des Szenarios. Na dann, ans Werk.
Erstmal baue ich einen Fischereihafen und ein Mietshaus. Fast schon
ein GAU, denn ich hab ganz vergessen, daß man eine Spedition braucht
um die Waren zum Hafen zu transportieren, doch das Geld reicht gerade noch.
Derweil werden die Ruinen der zerstörten Gebäude abgetragen und
meine Bewohner bauen sich armselige Hütten. Um die Ernährung
sicher zu stellen baue ich noch eine Rinderfarm, direkt hinter dem Palast,
in der Not muß man eben Kompromisse schließen.
Zehn Jahre später sieht die Insel ganz anders aus, weitere Häuser
sind entstanden und mit einer Bar sorge ich für Unterhaltung. Außerdem
finden meine Tropicaner Arbeit in einem Holzfällerbetrieb und auf
mehreren Farmen und eine Kirche hab ich auch schon gebaut. Um mehr qualifizierte
Arbeitskräfte zu bekommen, errichte ich eine Schule und starte ein
Bildungsprogramm.
Zwanzig Jahre nach dem Spielstart erinnert nur noch die Schlucht in
der Mitte der Insel an das Beben. Die Wirtschaft floriert und bringt hohe
Profite, schon über hundert Tropicaner leben auf der Insel, jede
der Wahlen habe ich bislang locker gewonnen. Doch mit der gut gefüllten
Kasse werde ich übermütig, errichte ein Kraftwerk und auf der
durch die Schlucht abgeteilten Hälfte der Insel ein Hotel, eine Bar
und einen zweiten Hafen, um Touristen anzulocken.
Doch jetzt beginnt der Ärger, Unzufriedenheit macht sich breit
wegen fehlendem Wohnraum und auch an Nahrung mangelt es. Zum ersten Mal
muß ich bei der Wahl ein wenig nachhelfen, was vielen Bürgern
jedoch nicht entgeht. Auch die Soldaten murren, ich muß den Sold
erhöhen. Die Kosten steigen und steigen und ich habe kein Geld mehr
um Profit bringende Industrie aufzubauen, und plötzlich herrscht Ebbe
in der Kasse, ich hab nicht mal mehr das Geld das teure Kraftwerk, für
das ich keine qualifizierten Arbeitskräfte finde, abzureißen.
Mieterhöhungen,
"Lohnverzicht" und Entlassungen sollen mich wieder aus den Miesen bringen,
doch es hilft nichts und dabei geht die Zufriedenheit natürlich noch
weiter in den Keller. So muß ich die nächste Forderung nach
freien Wahlen ignorieren, erste Rebellen tauchen auf, meine Soldaten mucken...
Das war's dann wohl.
Spielvergnügen pur
Um der ungeheuer großen und doch stets beherrschbaren Komplexität
von Tropico gerecht zu werden, müsste ich wohl einen Roman schreiben.
Das Spiel hat mich sofort begeistert und obwohl ich nun schon einige Male
die fünfzig Spieljahre hinter mich gebracht habe, habe ich doch noch
nicht alles ausprobiert. Und selbst dann kann ich noch am Schwierigkeitsgrad
herumschrauben oder eines der Szenarios ausprobieren.
Das die Grafik einen nicht vom Hocker haut ist angesichts der perfekten
Ausgewogenheit von Handhabung und Komplexität nebensächlich,
schließlich ist die ja auch nicht schlecht. Außerdem gibt es
unaufdringliche Karibiksongs und so fühlt man sich beim Spielen fast
wie im Urlaub, was will man mehr?