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Kolumne: Die Entdeckung der Langsamkeit

Momentan herrscht Flaute. Hier und da regt sich mal ein leises Lüftchen, aber letztlich gibt es keine neue Veröffentlichungen – deswegen schwelgt die GameCaptain-Crew in der Retro-Kost. Die Nostalgie-Pille für Spielefanatiker wie mich, alte Kamellen, die damals viel Spaß machten, heute aber natürlich längst nicht mehr zeitgemäß sind und mitunter nur noch um der guten Erinnerung wegen gespielt oder eben auch retrospektiv getestet werden. Im Grunde genommen nicht so dramatisch, hätte ich in der vergangenen Woche nicht dieses Schlüsselerlebnis gehabt.

Ich gestehe, ich habe mich mal wieder in ein Spiel verkrochen. Während des Retro-Tests von Jagged Alliance habe ich mich neu verliebt, dann den Nachfolger noch einmal aus dem verstaubten Schrank gekramt und ihn installiert. Seitdem spiele ich wieder ein Strategie-Spiel, allerdings nicht von einer wilden Klick-Orgie begleitet, wie in den heute so beliebten Echtzeit-Strategien, sondern rundenbasiert und mit jeder Menge Charme, Witz und Atmosphäre. Nein, nicht, dass mir nun irgendjemand behauptet, früher sei alles besser gewesen: Jagged Alliance 2 ist nur ein altes Spiel, das auch heute noch funktioniert, weil ich den Kopf anstrengen muss, um zu taktieren. Was mir heute bei Command & Conquer als Strategie verkauft wird, ist ein Hochgeschwindigkeitswahn, bei dem ich die Atmosphäre als grauen Brei vorbeirauschen sehe. Nicht, dass ich etwas gegen Geschwindigkeit hätte, schließlich liebe ich die R1-Boliden bei Forza 2. Ich frage mich nur, warum es so wenig Spiele gibt, bei denen ich mal meinen Grips anstrengen muss? Die Antwort liegt im Rausch der Geschwindigkeit.

Wer einmal als Fahrer in einem Rennwagen saß, weiß, wovon ich rede, Besitzer von französischen Kleinwagen oder Smart-Kisten können hier nicht mitreden. Geschwindigkeit ist eine Droge, die allerdings auch alles platt macht – zumindest dann, wenn ich andere Fahrzeuge zum Bremsen benutze. Bei den meisten „Echtzeit-Strategien“ geht es nur um systematisches Aufrüsten, um dann den Gegner mit einer Übermacht platt zu machen. Sicher, es gibt Ausnahmen, aber Echtzeit ist für mich mittlerweile mit Hektik gleichzusetzen. Wer einmal bei Command & Conquer 3: Tiberium Wars während des Kampfes sich eines Kaffee gemacht hat und dabei vergaß, das Spiel zu pausieren, der weiß, was ich meine. Ein Anruf der Großmutter hat da ebenfalls fatale Folgen, auch wenn die Urzelle der Familie sich nur erkundigen will, ob das neue Computer-Dings, das sie zu Weihnachten verschenkt hat, auch wirklich funktioniert. Wo ist das gemächliche Zocken geblieben? Wo sind sie hin, die Tüftel-Spiele?

Mein Geschwindigkeits-Fass zum Überlaufen bringen die verstärkt auftauchenden „Speedruns“ von irgendwelchen Spielen. Als ob es eine Leistung wäre, ein Adventure in 8:32 Sekunden durchzuspielen: Wer Langeweile hat, der kann lieber versuchen, mein Arbeitszimmer in derselben Zeit aufzuräumen – und wird gnadenlos scheitern. Als ich kürzlich einem anderen Redakteur verriet, dass ich an der Kampagne von Ace Combat 6 fast 20 Stunden Spiel-Spaß hatte, lächelte dieser mitleidig und erklärte, er wäre bereits nach sechs Stunden fertig gewesen. Weil er „diese blöden Zwischensequenzen“ auch einfach weggeklickt hätte, die reine Flugzeit seien ohne nur fünf Stunden gewesen. An dieser Stelle habe ich dann mitleidig gelächelt und erklärt, dass er das Wort „spielen“ wohl noch nicht verstanden habe. Für mich ist es mehr, als durch irgendwelche Level zu hetzen, ich will etwas erleben. Komplett. Das ist das Spiel.
Wem diese Kolumne jetzt schon wieder zu lang ist, dem kann ich auch nicht helfen. Zumindest nicht in dieser Woche, denn am kommenden Wochenende gibt es einen speziellen Text für die Hochgeschwindigkeits-Fanatiker. Als kleinen Vorgeschmack habe ich schon eine kleine Leserprobe parat:
s t dch mmer wdr nglblch, wvl Zt wr sprn knnn, wnn wr nr d Vkl wglssn wrdn. llrdngs st ds dnn ch kmplttr Schwchsnn.
Wer beim Lesen die Vokale hinzufügt, sollte mit der Kolumne dann in 21.3 Sekunden fertig sein. Jedenfalls ist das meine Bestzeit, die es zu unterbieten gilt. Bis dahin: Genießt die Langsamkeit.

Armin Sengbusch
von Armin
27.01.2008 20:18

Quelle:
intern

Tags:
Kolumne

Deine Meinung

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Kommentare (5)

!Morgoth! schrieb am 27.01.2008 20:29
"Ist doch immer wieder unglaublich, wieviel Zeit wir sparen können, wenn wir nur die Vokale weglassen würden. Allerdings ist das dann auch kompletter Schwachsinn." :D Ich hab dir Zeit leider jetz nich genommen, aber ich glaub es war weniger als 20 Sekunden^^ Schöner Artikel und schon wahr. Doch finde ich solche Speedruns auch sehr amüsant. Aber das sollten nur Spieler machen, die das Spiel vorher gründlich gespielt haben. Machen ja auch die meisten. xP mfg Morgoth
debellator schrieb am 27.01.2008 23:31
Beim Schreiben der Kolumne hast du wohl auch gehetzt? Hier und da ein Tippfehler oder ein Wort vergessen, soass man noch über den Zusammenhang grübeln muss. Wobei das ja zu der Thematik passen würde, nicht nur über den Text zu huschen, sondern auch sich mal damit auseinandersetzen und überlegen, was der Autor wohl da gemeint hat. ;)
Rösisch schrieb am 28.01.2008 0:00
Ja, ich bin auch so ein Typ, der nochmal vorsichtshalber hinter jeden Strauch guckt, jeden Grashalm umdreht um ja nicht irgendwas nicht ins Inventory zu legen, was dann auch recht schnell geordnet werden will und dann ist es voll und ich muss mich schweren Herzens davon trennen - nein, doch lieber in die Kiste ins Dorf bringen, vielleicht brauche ich es ja nochmal und wieder zurück an den Ort, an dem man nicht alles aufsammeln konnte und wieder ordnen, vergleichen, überlegen - herrlich! (Diablo z.B.) Als Heroes of Might & Magic III - Fan und Nostalgiker weiß ich wovon du redest und ich genieße die Ruhe und Langsamkeit meiner Züge...
Alamar schrieb am 28.01.2008 0:23
Diablo würde ich jetzt nicht gerade zur Rubrik "langsames Spiel" setzen - auch diverse andere Rollenspiele aus Nostalgia würde ich nicht dazu zählen. So durfte man bei Dungeon Master 2 gleichzeitig Zaubersprüche eingeben, kämpfen, Gegnern ausweichen und dann noch Heiltränke aus dem Inventar fischen. Wäre einfach, wenn's doch nur im Inventar pausiert hätte *sigh* Tja... und wahrscheinlich werde ich wegen diverser Gründe wohl bald mal wieder JA2 installieren, nur langsam gehen mir die unbekannten Söldner aus :D
Schriftstehler schrieb am 28.01.2008 12:39
@ Morgoth: Toll, dann kann ich mir die Kolumne am kommenden Wochenende ja sparen :D ... @ debellator: Ja, schlampige Arbeit, ich war und bin ein wenig überbelastet momentan - was aber nur eine Erklärung, keine Ausrede sein soll. Schlampige Arbeit eben... ;) @ Rösisch: Dann sind wir ein Team :) @ Alamar: Der Nachfolger kommt ja bald und ich werde wohl die Preview-Version testen dürfen... Näheres wie immer dann auf gamecaptain.de :)
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