Paradox aber wahr: Die vergessenen Reiche sind präsent wie eh und je, an der Schwertküste und in den sagenhaften Städten Niewinter und Stillwasser wimmeln die Helden und Untiere fröhlich vor sich hin. Das ist sicher auch ein Verdienst der Community, die mit Hilfe der Editoren eigene Spielmodule entwirft und der Softwareschmiede Obsidian, die nach
Mask of the Betrayer
mit
Storm of Zehir nun die zweite Erweiterung der Neverwinter Saga an den geneigten Hardcore-Rollenspieler bringt. Und Hardcore, oder nennen wie es alternativ „erfahren, langmütig und detailverliebt“, sollte man schon sein, denn dann ist man noch Besitzer des (notwendigen) Originalspiels aus dem Jahre 2006 und lässt sich auch durch das einsteigerunfreundliche Handling nicht entmutigen.
Eine Seefahrt die ist luschtig...
Das Abenteuer beginnt dieses Mal vor der Küste der Chultan-Halbinsel auf einem Schiff, das sich bei stürmischer See gerade in seine Einzelteile auflöst und seiner rauhbeinigen Kapitänin und ihren beunruhigten Passagieren wenig Freude bereitet. Das wilde, wilde Meer, die plötzliche Hinfälligkeit des stolzen Segelschiffes und diverse Pannen treiben der Seebärin (?) die Zornesröte ins Gesicht und die Passagiere unter Deck. Da wird man nicht so nass, außerdem soll man Fachleute nicht bei der Arbeit stören und Angst haben wir eh nicht, denn wir sind nicht allein, sondern zu viert!
Jawohl, erstes Novum, wir beginnen direkt mit einer selbstentworfenen 4er Party, das lästige Weicheiergetue „Freunde suchen“ entfällt also zunächst, der eine oder andere Mitstreiter darf sich im weiteren Spielverlauf aber anschließen. Die Charaktererschaffung bei
Neverwinter Nights
ist bekanntermaßen sehr komplex, es gibt mit den Grauorks und den Yuan-Ti zwei neue Rassen und drei neue Charakterklassen; ansonsten hat sich hier beim Procedere nichts verändert. Kommentar von meiner rollenspielerfahrenen Lebensabschnittspartnerin mit Blick auf die Abbilder der Heldengestalten: „Uäh - die sind ja alle schwer hässlich!“ Stimmt, vielleicht könnte man abschwächend sagen, dass die Avatare recht unscheinbar, farblos und gewöhnlich dargestellt werden - im Spiel sieht das dann schon viel besser aus. Ich entscheide mich diesmal für eine Waldläufer Yuan-Ti als Gruppenführerin, denn die haben Schlangen in ihrem Stammbaum und sollte ich während des Abenteuers gegen Indiana Jones antreten müssen, habe ich da schon mal einen entscheidenden Vorteil!
Schiffbrüchig in doof
Schlauer Plan, aber rasch zurück aufs Schiff bzw. an den Strand, denn während unserer ausführlichen Partygeburt haben wir längst Schiffbruch erlitten, stehen mit den wenigen Überlebenden am Strand und erwehren uns einer angreifenden Horde Goblins. Das geht nicht lange gut und kurz bevor wir in den Kochtöpfen der kleinen Scheißer landen, rettet uns ein Trupp Samarancher Elitesoldaten. Auch keine wirkliche Verbesserung unserer Situation, denn Fremde sind in Samaranch und der ungastfreundlichen Stadt Samarol nicht willkommen. Speziell die bösartigen und unheimlichen Yuan-Ti und die der Kollaboration Verdächtigen werden gefürchtet und kurzerhand eliminiert. An dieser Stelle freut sich unsere Wäldläuferin über die zentimeterdick aufgetragene Schminke und guckt den Rest des Spiels wie ein Eichhörnchenabkömmling. Na ja, letztlich verdanken es unsere Schiffbrüchigen der Intervention und Fürsprache der mächtigen Handelsfürstin Sa`Sani, dass sie nicht sofort an die Mauer gestellt werden, sondern sich im Dienst der resoluten Frau rehabilitieren können. Im weiteren Handlungsverlauf, bereisen wir die Dschungel Samaranchs, erledigen die üblichen Aufgaben, erfahren von rivalisierenden Handelshäusern, werden selbst zu Händlern und besuchen natürlich auch irgendwann good old Niewinter.