In letzter Zeit scheint die USK mit ihren 18er-Siegeln sparsam umzugehen. In den letzten Wochen erschienen immer wieder Titel, die die Plakette nicht erhielten und somit im Nachhinein auf dem Index landeten oder erst nach einer Nachprüfung mit einer gewaltigen Verspätung wie kürzlich
Jericho
. Sind die Prüfungskriterien härter geworden oder die Spiele einfach nur brutaler? Letzteres trifft auf
Dark Sector zu, dessen Gewaltgrad enorm hoch ist und deshalb hierzulande keine Freigabe bekommen hat und in Australien sogar gänzlich verboten wurde. Was hat der Titel außer Brutalität noch zu bieten?
Ein eiskalter Milchbubi
Hayden Tenno ist jung und unverbraucht, aber schon ein eiskalter Killer. Er wird in die fiktive osteuropäische Stadt Lasria geschickt, um dort einen durchgedrehten Wissenschaftler still und heimlich aus dem Leben zu befördern. Allerdings ist die Stadt von einem Virus befallen, der aus den Zivilisten seelenlose Tötungsmaschinen macht und ihre Haut mit einer Art Metall überzieht. Um einer Infektion vorzubeugen, ist Hayden geimpft. Die stationierten Soldaten tragen statt dessen Gasmasken, obwohl die Krankheit nicht durch die Luft übertragen werden kann. Naja, egal. Es kommt natürlich so, wie es kommen muss. Der Einsatz verläuft nicht wie geplant und Hayden wird durch den kranken Bodyguard des Wissenschaftlers gezielt angesteckt. Das vorher gespritzte Gegenmittel wirkt nicht. Doch statt des totalen Verlusts über seinen Geist und Körper, bleibt es bei einer Infizierung des rechten Armes, aus dem von nun an ständig eine scharfe Sichel wächst, die wie ein Bumerang immer wieder zu ihm zurück kommt. Mit diesem körpereigenen Tötungswerkzeug gilt es jetzt den bösen Buben zu erwischen und der Krankheit Einhalt zu gebieten.
Farbloser Held
Die ersten Minuten in Dark Sector finden in stylischer Schwarz/Weiß-Optik statt und erzählen den Prolog. Der farbliche Übergang beginnt mit der Infizierung von Hayden, was dramaturgisch toll inszeniert wird. Leider ebbt nach diesem tollen Beginn die Story ganz enorm ab. Insgesamt zehn Episoden erzählen eine Geschichte, deren Lücken ganze Abgründe füllen könnten. In den rund acht bis zehn Stunden Spielzeit trifft man auf plötzlich auftauchende Charaktere, die von den Taten der Vergangenheit sprechen, die man selber aber nicht miterlebt hat. Oft kommt es einem so vor, als wäre Dark Sector ein zweiter Teil, von dem es jedoch keinen Vorgänger gibt. Gelegentlich hilft in solchen Momenten ein Blick ins Handbuch, doch das schmale 8-seitige Heftchen (inklusive Inhaltsverzeichnis und Garantiebelehrung) verliert kein Sterbenswörtchen über die Charaktere und deren Hintergründe. Das wackelige Storygerüst scheint nur ein Aufhänger dafür zu sein, was Hayden am besten kann und das ist das Töten.
Vorher Killermaschine, nachher Killermaschine
Den Hauptdarsteller der Blutoper sieht man stets aus der Schulterperspektive, die man quasi 1:1 aus
Resident Evil 4
übernommen hat. Zu Beginn spielt sich Dark Sector wie ein normaler 3rd-Person-Shooter. Man sprintet von Deckung zu Deckung und nimmt seine Gegner aufs Korn. Waffen und Munition erhält man von erledigten Feinden. Nach der Mutation muss man jedoch umdenken. Die Ballermänner der Widersacher sind darauf programmiert nach einer gewissen Zeit zu explodieren, sollte ein Infizierter sie in die Hand bekommen. Funktionierende Schießprügel bekommt man zu diesem Zeitpunkt nur noch vom Schwarzhändler, der in der Kanalisation haust und ebenfalls eine Kopie des Dealers aus Capcoms vierter Zombiereihe darstellt. Die Feuerwaffen kosten allerdings Geld, was man hin und wieder in den Levels findet. Wer sich genauer in den Arealen umschaut, findet außerdem noch Köfferchen, mit denen sich die Waffen beim Händler mit z.B. einem größeren Magazin oder weniger Rückstoß aufrüsten lassen. Das System bietet allerdings weitaus weniger als bei Resident Evil 4, weil es deutlich weniger Waffen und Upgrademöglichkeiten gibt. Zudem stehen nicht die Gewehre als Tatwaffe im Vordergrund, sondern die Sichel.
Strom, Feuer, Eis
Die Sichel ist das Hauptwerkzeug, mit dem man sich durch die Menschen- und Monsterhorden metzelt. Per Druck auf die Schultertasten wirft man sie und wie ein Bumerang kommt sie immer wieder zu einem zurück. Hält man die Schultertaste so lange gedrückt, bis sich das Fadenkreuz gelb färbt, schleudert Hayden die Klinge mit vierfacher Kraft. Mit der fortschreitenden Mutation des Arms erweitern sich diese Grundfähigkeiten. Schon recht früh im Spiel lässt sich das fliegende Mähwerkzeug in schicker Zeitlupe für eine gewisse Zeit selber steuern. Auf der PS3 funktioniert das sogar mit der SixAxis-Funktion, was übrigens frappierend an den Diskus von
Heavenly Sword
erinnert. Außerdem reagiert das Schneidegerät auf Strom, Feuer und Eis. Wirft man die Waffe z.B. durchs Feuer, brennt das metallische Objekt für eine gewisse Zeit lichterloh, was bei Kontakt ebenfalls für die Gegner gilt.
Die Klinge ist jedoch nicht nur zum Töten da, sondern auch um damit einige simple Rätsel zu lösen. Beispielsweise trifft man immer mal wieder auf verschlossene Türen, die mit einem elektronischen Schloss verriegelt sind. Schaut man sich die nähere Umgebung genauer an, sticht einem stets ein überlasteter Schaltkreis geradezu ins Auge. Einen Wurf später ist die Sichel elektrisch aufgeladen, einen weiteren Wurf später ist die Tür auf. Anspruchsvoll sind solche Kopfnüsse nicht, können aber an den Nerven zerren. Regelmäßig muss man die Sichel mit der Zeitlupenfunktion an einem Hindernis vorbei lenken, um dann einen Schalter oder ähnliches zu treffen. Dank der extrem trägen Steuerung während des Fluges, klappt das nie beim ersten Anlauf und mehrere Versuche sind an der Tagesordnung.